20060907

Positive Leseerfahrungen 1

Wo ich hier die ganze Zeit über Bücher rede (Vielleicht sollte ich einfach yaBücherblog daraus machen - aber Politik kotzt mich im Moment einfach an und für Rechnerexperimente habe ich keine Zeit. Nur die Lesezeit, zumindest abends die halbe Stunde im Bett, die habe ich immer) dachte ich mir, ich könnte auch einfach mal all jene Bücher aufführen, die mir aus irgendeinem Grund in Erinnerung geblieben sind. Da ich dazu tendiere, Bücher, die mich nicht nachhaltig beeindruckt haben, eher rasch zu vergessen, waren diejenigen, an die ich mich heute noch erinnern kann, in irgendeiner Weise besonders. Daraus werde ich jetzt in loser Folge die Rubrik "Positive Leseerfahrungen" zusammenstellen.

Hermann Bang - Sommmerfreuden
Ich habe dieses Buch vor elf Jahren gekauft und gelesen. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, warum es mir gefiel, aber der Titel ist mir sehr positiv in Erinnerung geblieben. Ich gebe einfach mal den Titeltext wider: "Ein kleines Hotel an der Ostküste Jütlands um die Jahrhundertwende. Die Geschäfte gehen nicht gut. Ale endlich die ersehnten Gäste kommen, fehlt es an allem, aber schließlich bekommt doch jeder, was er braucht. Die Sommerfreuden der einen werden freilich mit dem Leiden der anderen erkauft. So lustig sich alles anlässt, so traurig ist es am Ende.

Zusammen mit Bangs Sommerfreuden habe ich damals den "Meister Breuignon" von Romain Rolland gekauft, das mir ebenso gut, ja sogar noch besser gefiel. Ich erinnere mich, dass ich es beim Lesen äußerst amüsant fand. Ich habe mir daraufhin mehrere andere Werke von Rolland gekauft, u.a. den Clerambault, in dem die Wandlung der inneren Einstellung zum Ersten Weltkrieg bei einem französischen Professor geschildert wird. Unter historischen oder kulturhistorischen Gesichtspunkten mag es interessant sein, aber abgesehen von solchen Einsichten habe ich mich durch die Lektüre gequält.

20060905

So fängt's an...

Auf der Seite eines mir namentlich Bekannten irgendwo im Netz fand ich letztens eine kleine Auflistung von Romananfängen, die dem Schreiber besonders gut gefielen. Mir wiederum gefiel die Idee, weshalb ich sie hier schamlos kopiere.

Wenn der Anfang einer Erzählung oder eines Romans mich bereits so fesselt, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen will, dann ist es ein guter Anfang. Es gibt eine ganze Reihe von Romananfängen, die mich auf diese Weise fasziniert haben. Hier eine Auswahl:


"So the theory has it that the universe expanded exponentially from a point, aingular space/time point, a moment/thing, some original particulate event or quantum substantive happenstance, to an extent that the word explosion is inadequate, though the theory is known as the Big Bang. What we are supposed to keep in mind, in our mind, is that the universe didn't burst out into pre-existent available space, it was the space that blew out, taking everything with it in a great expansive flowering, a silent flash into being in a second or two of the entire outrushing universe of gas and matter and darkness-light, a cosmic floop of nothing into the volume and chronology of spacetime. Okay?"
(E. L. Doctorow: City of God)

"Wie gelangt man auf diesen geheimnisvollen Archipel? Stunde für Stunde machen sich Flugzeuge, Schiffe, Züge auf den Weg dorthin - doch es weist keine einzige Inschrift den Bestimmungsort aus. Beamte am Fahrkartenschalter würden nicht weniger erstaunt sein als ihre Kollegen vom Sowtourist- oder Intourist-Reisebüro, wollte jemand eine Fahrt dorthin buchen. Sie kenne weder den Archipel als Ganzes noch eine seiner zahllosen Inseln, sie haben nie etwas davon gehört."
(Alexabder Solschenizyn: Archipel Gulag)

"Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig. Man speiste reizvoll, aber nicht üppig; geredet wurde viel, Palaver mit Niveau, wobei er wenigstens zu Anfang, scheint es, nicht stiller war als die anderen. Jemand will sich gewundert haben über seinen müden Blick, wenn er zuhörte; dann wieder beteiligte er sich, um vorhanden zu sein, witzig, also nicht anders als man ihn kannte."
(Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein)

"Meine Mutter ist nicht mit zum Bahnhof gegangen. Sie hat nicht gesagt, warum, und ich habe sie nicht gefragt. Es war kurz nach sechs, vierzehn Tage vor Weihnachten, und auch im Zug war es dunkel."
(Hermann Kant: Der Aufenthalt)

"DAS ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen."
(Robert Schneider: Schlafes Bruder)

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
(Franz Kafka: Der Proceß)

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."
(Franz Kafka: Die Verwandlung)

"Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht."
(Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis)

"Lasset die Kindlein zu mir kommen. -
Als die erste Bombe fiel, schleuderte der Luftdruck die toten Kinder gegen die Mauer. Sie waren vorgestern in einem Keller erstickt. Man hatte sie auf den Friedhof gelegt, weil ihre Väter an der Front kämpften und man ihre Mütter erst suchen musste. Man fand nur noch eine. Aber die war unter den Trümmern zerquetscht. So sah die Vergeltung aus.
"
(Gert Ledig: Die Vergeltung)